OBERWIEHRE/WALDSEE. Doris Schulte hat beim Fahrradfahren in der
Nähe des Mannheimer Luisenparks einen Stein gefunden. Nicht
irgendeinen, sondern einen 2,5 Tonnen schweren chinesischen
Lochstein aus dem Tai-Hu-See. Er kam nun auf wundersamen Wegen nach
Freiburg und wurde am vergangenen Samstag vor dem Waldkurbad am
Möslepark feierlich enthüllt.
"Zwischen Baustoffen und -schutt habe ich plötzlich diesen
sonderbaren Stein gesehen," sagt Doris Schulte, die in Mannheim
lebt. Sie rief ihren Lebensgefährten Paul Busse, Betreiber des
Freiburger Waldkurbades, an und berichtete ihm von dem
unebenmäßigen, durchlöcherten, von roten Adern durchzogenen Block.
Sogleich setzte dieser sich in den Zug, um zu sehen, ob er
vielleicht für diesen Stein Verwendung habe. In Mannheim angekommen,
hieß es, er könne den Felsblock gleich mitnehmen. Der Findling sei
als einziger von 200 Tonnen chinesischem Stein übrig geblieben, die
der Mannheimer Luisenpark zur Einrichtung seines chinesischen
Gartens bestellt habe. Für den einen hätten die chinesischen Planer
keine Verwendung mehr.
Eine Woche später, am 12. November 2001, holte Paul Busse seinen
Koloss nach Hause. Dort lag der "Fünfseitige Meister des Lichts",
wie er heute genannt wird, erst einmal herum, weil Busse auf seinem
Grundstück baute und zunächst kein geeigneter Platz für den
besonderen "Knochen der Erde" gefunden wurde. Doch der große Tag des
Steins sollte kommen: Zur feierlichen Enthüllung des steinernen
Meisters reiste sogar der chinesische Botschaftsrat Ma Guoqing aus
Bonn an.
Dieser zeigte bei der feierlichen Enthüllung des Steins
fernöstliches Einfühlungsvermögen: "Der Stein hat ja auch Heimweh.
Er wurde vom Mutterleib entfernt, dann über Tausende von Kilometern
nach Deutschland gebracht. Aber hier bei Paul Busse hat er eine
geeignete neue Heimat gefunden." Für Menschen aus dem europäischen
Kulturkreis mag es sicherlich sonderlich aussehen, dass ein solch
hoher Staatsbeamter wegen der Enthüllung eines Steinblocks extra von
Bonn nach Freiburg reist.
Doch der Stein ist ein wichtiger Bestandteil chinesischer Kultur.
So hat es in China Tradition, Gärten mit Steinen zu schmücken. Ein
Beispiel hierfür sind die kunstvoll angelegten Miniaturlandschaften
um die traditionellen Bonsaibäume. "Der Wert eines Steines wird in
China nicht nur nach kaufmännischen Aspekten bemessen, sondern gilt
als Teil der ursprünglichen Natur," so Peter Greiner vom
sinologischen Institut in Freiburg.
Der rund ein Meter fünfzig hohe "Fünfseitige Meister des Lichts"
mit seinen Furchen und Schrunden soll nun die Freiburger zum
Innehalten animieren. "Der Meister will sagen, dass er seine eigene
dramatisch-bewegte Lebensgeschichte mit ansteckender Ruhe und
Gelassenheit zu genießen versteht - eine Einladung an den
Betrachter, innezuhalten und in sich zu gehen," sagte Busse und zog
die beiden weißen Bettlaken vom Felsblock.
kaf