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Der Stein oder Felsen in der chinesischen Gartenbaukunst

von Peter Greiner

Jedem Liebhaber der chinesischen Kunst und Kultur wird irgendwann einmal auffallen, dass die Chinesen zur Landschaft mit ihren Bergen und Gewässern und damit auch zum Stein oder Felsen eine besondere Beziehung haben. Das zeigt sich besonders bei der Betrachtung der chinesischen Malerei, bei vielen kunstgewerblichen Erzeugnissen, wie auch in den wohl seltener zugänglichen chinesischen Gärten. Es darf hier daran erinnert werden, dass die im Westen unter den sino-japanischen Wörtern Bonzai (chin.: pénzai) und Bonkai (chin.: pénjing) bekannten Miniaturlandschaften in Blumenschalen eine ursprünglich chinesische Erfindung sind; in diesen Miniaturlandschaften aus kleinwüchsig gehaltenen Bäumen, Sträuchern und Ähnlichem sind Steine als Miniaturfelsen ein wichtiges Gestaltungselement. Es gab in China auch schon sehr früh eine Mineralienkunde, aber die Steine und Felsen wurden nur von wenigen Spezialisten nach mineralogischen und vielleicht auch geologischen Gesichtspunkten gesammelt und beschrieben. Dieser Aspekt bleibt in der hier vorgetragenen Betrachtung unbeachtet, da der Stein oder Felsen vom kulturgeschichtlichen Gesichtspunkt her gesehen werden soll.

Der Wert eines Steines bzw.eines Edelsteines wurde in China nicht so sehr unter kaufmännischen Gesichtspunkten eingeschätzt, obwohl die chinesischen Juwelenhändler hohe Preise verlangten, die auch gezahlt wurden. Von den chinesischen Literaten und Gelehrten als den bedeutendsten Trägern der traditionellen chinesischen Kultur wurde der - oder die - Jade (chin.: yù) auf vielfältige Weise hoch geschätzt. Zwar ist der Jade oder Nephrit nur ein Halbedelstein, aber er war ein Symbol der Vollkommenheit und Reinheit eines konfuzianischen Edlen. Im alten Buch der Riten (Li ji) heißt es: „Der Edle wetteifert in der Tugend mit dem Jade.“(siehe ebda., Kapitel Pinyi).

Die Wertschätzung schöner und seltener Steine, insbesondere des Jade, zeigt sich in den durch Ausgrabung ans Licht gekommenen Grabbeigaben. Schon in der Shang-Zeit (16.-11. Jh. v. Chr.) gab es sehr fein gearbeitete Jadestücke. In der Provinz Zhèjiang (Chekiang) wird am Gùiji-Gebirge südöstlich der Stadt Shaòxing ein nadelförmiger Monolith gezeigt, der von dem Urkaiser Yú, dem angeblichen Gründer der Xià-Dynastie (211-1600v. Chr.), aufgestellt worden sein soll.

Steine und Felsen kommen aus den Bergen. Die Chinesen sind aber seit dem Beginn ihrer überlieferten Geschichte vornehmlich ein in der Ebene und in breiten Flußtälern siedelndes Bauernvolk gewesen. Die im Kerngebiet Chinas fast immer bewaldeten Gebirge wurden von ihnen gemieden. Sie blieben daher weitgehend in ihrem Urzustand belassen und waren das bevorzugte Rückzugsgebiet von Eremiten und Rebellen, die jeweils auf ihre Weise der Menschenwelt mit den ihnen verhaßten Ordnungen und Zwängen den Rücken kehrten. Aus dieser außerhalb der chinesischen Zivilisation gelegenen Wildnis kamen vielfach die Anstöße zur Beseitigung ungeliebter Herrschaften. Die Berge mit ihren schroffen Felsen und knorrig gewachsenen Bäumen waren der Wohnort seliger Geister und Genien jenseits der Welt des Menschen, wie die Sagen und Märchen des chinesischen Volkes berichten.

Der Literat und gelehrte stellte zwar seine Kräfte in den Dienst des Staates und wirkte zu seinem Teil an der Erhaltung der staatstragenden Tradition der konfuzianischen Lehre mit. Aber es blieb ihm immer bewußt, dass sein Staat und seine Tradition Menschenwerk waren und nur unvollkommen die vom Himmel als der alles beherrschenden Naturkraft und höchsten Gottheit gewollten Harmonie zwischen Himmel, Mensch und Erde widerspiegeln konnten. So haben denn die Berge und Felsen eine Anschauung von der Ewigkeit der vom Himmel gesetzten Ordnungen gegenüber den nur in der Zeit aufrechterhaltenen und stets vom Zusammenbruch bedrohten menschlichen Ordnung vermittelt.

Die chinesischen Gelehrten haben nachweislich seit der Song-Dynastie (960-1279 n. Chr.) - wahrscheinlich aber schon viel früher - seltene Steine und auffällig geformte Felsen als Schmuck für die Gelehrtenstube, das Haus, den Garten und die Parkanlagen gesammelt. Unter den Felsen war der Kalkstein dazu bevorzugt als geeignet angesehen. Sein Materialwert war nur gering, jedoch Änderungen, Schrunden, Risse, Höhlungen, Löcher sowie Moos- und Pflanzenbewuchs ließen wundersame, die Phantasie anregende Berglandschaften en miniature entstehen, die als kleine Abbilder der großen Natur betrachtet werden konnten. Der Gelehrte führte sich damit das Gegenbild zur klassisch gewordenen und damit erstarrten Kulturwelt in Gestalt einer quasi romantisch empfundenen, ursprünglichen und schlichten Natur vor Augen. Sehr bald zeigte es sich, dass die Natur gar nicht so viele eindrucksvolle Abbilder ihrer unverfälschten Ursprünglichkeit lieferte. Zugleich zeigte es sich in China, dass „Natur“ wie in Europa ein Kulturbegriff ist. Man begann nun, die Steine und Felsen derart zu bearbeiten, dass sie den Vorstellungen von der großen und erhabenen Natur auch entsprachen. Die Natur wurde damit, wie es vielleicht anders nicht sein kann, in die Kultur integriert; denn nur so können wohl ihre somit verborgenen Schönheiten dem Menschen auf zuträgliche Weise sichtbar gemacht werden.

Gegen Ende der Ming-Zeit lebte in Peking der Beamte Mi Wànzhong (um 1595 n. Chr.), welcher eine Vorliebe für seltene Felsensteine hatte. In der Nähe von Peking, im Südwesten bei Fángshan fand er einen blauen Felsblock von 8 m Länge, 2 m Breite und 4 m Höhe und wollte ihn in seinen Park bringen lassen; aber er konnte seinen Plan wegen zu hoher Kosten nicht ausführen. Erst der vierte Kaiser der nachfolgenden Qing-Dynastie mit dem Tempelnamen Gaozong, der unter der Devise Qiánlóng von 1736-1795 regierte, setzte das Unternehmen fort und ließ den Felsen in den Sommerpalast (Yihé yuán) im Nordwesten von Peking schleppen, wo er heute noch bewundert werden kann.

Heute, am 8. Februar 2003, wird nun aus China vom Taihú-See ein Stein, den das Ehepaar Busse (Doris Schulte und Paul Busse) nach Freiburg holen und vor dem Waldkurbad am Möslepark aufstellen ließ, offiziell im Beisein hoher chinesischer Gäste enthüllt. Der Transport wurde ohne amtliche Hilfe finanziert. Freiburg hat damit eine neue Attraktion gewonnen; dafür ist dem Ehepaar Busse ein großer Dank auszusprechen.

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