Home

Einige Gedanken zu Stein und Sein

von Prof. Dr. Gerhard Hebbeker anläßlich der Enthüllung des chinesischen Lochsteins am 08. Februar 2003 im Waldkurbad am Möslepark

Ein Stein hat uns veranlaßt, hier zusammenzukommen. Das ist Grund genug, ihm dankbar zu sein; man trifft Freunde, man tauscht sich wieder mit alten Bekannten aus, neue Bekanntschaften bahnen sich an.

Doch mit diesem Grund lassen wir es nicht genug sein. Der Anlaß schiene uns lapidar, wenn wir nicht mit dem Verdacht hergekommen wären, daß es noch mehr auf sich hat mit diesem Stein da, daß wohl noch anderes in ihm steckt, das eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Nicht, daß wir geheimnisvolle Funken in ihm vermuten, die wir mit mystischer Rhetorik aufflammen lassen, nicht, daß wir ihn mit magischen Zirkeln umrunden, nicht, daß wir ihn mit Bedeutungen beladen, die seine Eigenart nur verdecken würden. Seine Eigenart besteht für unsere erste Begegnung in nichts mehr und nichts weniger als darin, anders zu sein. Und das ist nun Grund genug, unser Augenmerk auf ihn zu richten.

Und seiner Ecken und Nischen sind so viele, daß sie auch einen Nicht-Geologen und Nicht-Sinologen Anhaltspunkte gewähren, einige Gedanken über seine Andersheit an ihn zu knüpfen.

Der Stein kommt von weit her, aus einer anderen Kulturwelt, aus einem uns ungewohnten Verstehenskorizont, aus einer Interpretationsgeschichte, die ihn und andere seiner Art als Sinnbild, als Gleichnis, als Anregung für die Entfaltung eines uns zunächst fernliegenden Seinsverständnisses herausgestellt hat. Er gehört in die Reihe der Gelehrtensteine oder Gartensteine oder auch großformatigen Gelehrtensteine, wie uns die Fachleute erklären. Wir begnügen uns jetzt, da er noch nicht seinen individuellen Namen bekommen hat, zum Zweck dieses Vortrags mit der hinreichenden Bezeichnung: chinesischer Lochstein.

Wie erscheint uns der Stein, wie legt er sich dar?

Der Stein vor uns ist gewichtig, aber er zeigt das nicht so deutlich. Er liegt da vor uns eher löcherig und leer und zerbrechlich, fast leicht ausgreifend, nicht schwer nach unten lastend. Er streckt sich nicht wie ein Thema aus, das sich uns ostentativ zum

Nachdenken vorlegt. Er liegt/steht eher unauffällig da, nicht als Thema, nicht als Problem, nicht als etwas Grundlegendes, das abgehandelt werden müßte.

Wenn wir unserem europäischen Hang, tiefgründige Bedeutung zu erwarten, nachgeben möchten, dann müßten wir uns einem anderen Stein zuwenden, dem Granit. Der zeigt so viel Substantielles an sich, daß unser Johann Wolfgang von Goethe in seinen geologischen Betrachtungen sich immer wieder dieser „merkwürdigen Steinart“ zuwandte.

Und da Goethe eine wesentliche Komponente des unserer Tradition entstammenden Verständnisses von Sein in seinen Studien zum Granit zu konzentrierterer Anschaulichkeit sammelt, artikulieren wir für ein paar Schritte diesen Verstehensbereich, um ihn dann vorsichtig auf den anderen hin zu überschreiten.

Oder, um es goethisch bündig auszudrücken: wir vergleichen ein Gleichnis des Seins mit einem anderen Gleichnis des Seins. Wir erläutern sad erste und das nächste, um das andere dann bewußter a l s das andere zur Erfahrung kommen zu lassen.

Der Granit bildet für Goethe die Grundfeste unserer Erde; er ist das Tiefste und das Höchste. Dort, wo er von unten her das Gebirge durchragt und im Gipfel eines Berges sichtbar wird, da macht die Natur ihren geheim Grund offenbar, da legt sie ihre Fundamente bloß, da bezeugt sie selbst ihr unerschüttliches In-sich-ruhen. Das granitene Gestein ist von größter Einfalt und gleichwohl frei von monolithischer Strenge oder monotoner Verkürzung der Mannigfaltigkeit der auf ihm sich erhebenden Erscheinungen. Er ist die Kraft der Einheit in der Entwicklung der überschwenglichen Verschiedenheiten, der Verschiedenheiten sowohl in der Struktur und Farbe des Granitgesteins selbst als auch der immer voneinander unterschiedenen Massen eines jeden Gebirges. In der ursprünglichen Einheit ist alles im ganzen doch wieder immer einander gleich. Und das Gemüt, das durch die Abwechslungen der Gesinnungen und durch die schnellen Bewegungen seiner Sinnesausrichtungen gelitten hat, sucht seine Zuflucht nicht in der Betrachtung menschlichen Herzens, sondern in dem ältesten, tiefsten, festesten, einsamen, stummen, großen Fundament der leise sprechenden Natur, dort, wo keine Zweiheit und kein Zweifel Raum hat. Der Weise gewordene, d.h. der bewußt durch das Leiden hindurchgegangene, sitzt (sedet, est) auf einem hohen nackten Gipfel, eine weite Gegend überschauend, und kann zu sich sagen: „Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht; keine neuere Schicht, keine aufgehäuften zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt....diese Gipfel sind vor allem Leben und über alles Leben.“ (Hamburger Ausgabe, Bd. 13, S. 255).

Beim Goethe‘schen Granit legt sich nichts dazwischen, beim chinesischen Lochstein ist viel dazwischen, ist dazwischen viel nichts. Der chinesische Stein ist durchhöhlt, durchlöchert, durchbrochen, bizarr, unregelmäßig, oder, um Goethe‘sche Worte zu verwenden und ihn zur Größe eines Gebirges projizierend: von verworrenen Rissen durchschnitten, hier gerade, dort gelehnt, gar nicht aus einem Stücke gegossen und durchaus nicht ganz, ohne das geringste Regelmäßige durch Klüfte in Lager und Teile getrennt, durch Gänge nach allen Richtungen geöffnet.

Der Granit sammelt uns in die Ruhe des fundamentum inconcussum, auf dem Systeme errichtet werden können, er sammelt uns in die Einheit des Prinzips, das heißt des gründenden Anfangs, aus dem das Viele abgeleitet werden kann.

Der chinesische Lochstein ist Gehäuse für das Offene. Wenn wir bei ihm anfangen möchten, können wir das an vielen Ecken tun; er wird uns zu verschiedensten Wegen veranlassen, wenn wir uns auf seine Eigenart einlassen. Er bezeugt nicht Verläßlichkeit, er bietet Anläßlichkeit.

Der chinesische Stein hat es in sich, das Nichts, das der dichte Granit von sich ausschließt. Er räumt so vieles ein, daß er sogar sein Entgegengesetzes einräumt und sich dem formellen Gegensatz, den wir von Goethe her zu suchen scheinen, erst gar nicht stellt. Der Granitstein stellt sich in Gegensatz zum chinesischen Lochstein, aber der Lochstein stellt sich nicht in Gegensatz zum Granit. Und wenn ich – im Bestreben nach didaktischer Prägnanz – schon in Versuchung war, das Schema der Gegensätzlichkeit zu benutzen, dann bin ich schon recht eigentlich in die alteuropäische Denkfalle getappt.

Der Lochstein antwortet nicht mit Gegensätzlichkeit, sondern nur mit Andersheit. Er ist bloß anders, und das sollte uns doch genügen; ja, die Andersheit zu belassen und zu verstehen, das könnte wohl schwieriger sein, als die stramme Schiene des Gegensatzes zu konstruieren.

Auf der Suche nach dem Verstehen des „bloß anders“, auf der Suche nach dem unbefangenen Ineinander von Sein und Nichts, stieß ich – als Laie, versteht sich, das müssen Sie mir wirklich glauben – auf Dschuang Dsi, Zeitgenosse unseres großen Logikers und Metaphysikers Aristoteles.

„Der Zustand, wo Ich und Nicht-Ich keinen Gegensatz mehr bilden, heißt der Angelpunkt des Sinns (TAO). Das ist der Mittelpunkt, um den sich nun die Gegensätze drehen können, so daß jeder seine Berechtigung im unendlichen findet. Auf diese Weise hat sowohl das Ja als das Nein unendliche Bedeutung. Darum habe ich gesagt: es gibt keinen besseren Weg als die Erleuchtung.“ (Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Diederichs Verlag, 1969, 5. Aufl., 1996, S.1)

Dschuang Dsi spricht nicht vom Grund als Ausgangspunkt für Sinnrichtungen und Ableitungen; er spricht vom Angelpunkt des Sinns, des TAO, um den die Gegensätze sich drehen können. Die Mitte ist leer, zur Mitte hin können wir leer werden, im Sich-einlassen auf die Mitte findet unser Tun sein In-eins-sein mit dem Nicht-Tun. So ist der Stein nicht ein Grund-Stein, sondern mit seinen Löchern ins Offene gewendet und mit seinen Kanten und Spitzen vielfältige Ansatzstelle für den nirgends zu fixierenden Angelpunkt. Viele Weisen von Dialektik können sich an ihn anknüpfen, das gewohnte Denken überraschend, das festgefahrene Denken irritierend, das allzu tiefgründige spielerisch belächelnd.

Nun, werden wir geschulten Europäer sagen, das ist ja wohl ein klarer Fall von Relativismus und Subjektivismus. Oh ja, würde wohl Dschuang Dsi verschmitzt erwidern, das ist auch Subjektivismus, allerdings Subjektivismus ohne Subjekt. Hast du so etwas schon einmal geschmeckt? Das ist wie Zuckerwasser ohne Zucker.

Ich habe das Subjekt, mein Ich, heute morgen schon, bevor ihr alle angekommen seid, hinter diesem Stein vergraben. Das ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt. Wenn du das Ich hinter dir gelassen hast, dann vernimmst du in dem Wind, der so verschieden pfeift, des Himmels Orgelspiel; dann mag, durch die Kanten und Löcher des Steines gebrochen, der Wind auf tausenderlei Arten blasen: du erfährst in ihm die bewegende Kraft, die alle Klänge sich enden und erheben läßt. Das ist der Pfiff des Ganzen, das ist der Himmelspfiff.

Das Ich, das sich selbst begraben hat, ist auf diese Weise zugleich Nicht-Ich, das Nicht-Ich ist auf diese Weise zugleich Ich. Das Nicht-Ich forçiert kein analytisches Wissen-Wollen, es folgt im Erkennen und Handeln den natürlichen Linien, fährt den Höhlungen entlang, verläßt sich auf die kleinsten Zwischenräume, nutzt geschickt auf dem Weg zum Sein die Spuren des Nichts – so wie Dschuang Dsi es in seiner unnachahmlichen Erzählung vom Koch, der einen Ochsen zerteilte, illustriert hat.

Das von Innenräumen Durchlichtete und Durchnichtete ist nicht weniger seiend als das substantiell tragende, das Sich-Einlassen auf das Durchbrochene, Gebrechliche ist nicht minder verläßlich als die Selbstgewißheit des zweifelsfreien cartesianischen Subjekts.

Der Himmelspfiff weht anders. W i e anders er weht, können wir nicht sagen, nur fragen. D a ß er anders weht, können wir an diesem Stein wahrnehmen, wenigstens das, und das ist nicht wenig. Dazu gibt er uns Veranlassung, der chinesische Lochstein. Wir danken ihm, daß er uns veranlaßt.

Und wir danken auch denen, die dem Stein Anlaß und Situation gegeben haben, und wünschen, daß der Himmelspfiff, der vom Sternwald her immer schon wohltuend über das Busse‘sche Gelände gestrichen ist, nun moduliert durch den chinesischen Stein im Garten, die Besucher zur Einstimmung in neue Weisen des Verstehens an Haut und Haaren berührt.

Seitenanfang



Neu

  • Sommerkarte ab 12. Juli!

Aktuelles

Geschenkgutschein

Online-Gutscheine

Preisliste

Unsere Preise im Überblick.

Öffnungszeiten

Unsere Öffnungszeiten im Überblick.

Shop

In unserem Shop finden Sie Körperpflege-, Sauna- und Badeartikel sowie Bücher und Zeitschriften.

Waldkurbad auf Achse

Sauna, Rasul und Massage
Sauna, orientalisches Serailbad, Massage

Seminarräume

Für Seminare und Veranstaltungen in angenehmer Atmosphäre.

Karriere

Ein Platz für Sie?

Badmiete

Täglich im Anschluß an die öffentliche Badezeit haben Sie die Möglichkeit die Sauna- und Dampfbadelandschaft zu mieten.

30 Jahre Jubiläum

Am 29.+ 30. September 2007 begeisterten wir u.a. mit Luftschiffrundfahrten über das Dreisamtal. Fotos