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Die Geschichte des Saunabadens im deutschsprachigen Raum
Einstimmung EinstimmungÄußerer AnlaßZwei runde Geburtstage in 1999, nämlich 75 Jahre Wiedereinführung der Sauna in Mitteleuropa und 50 Jahre organisiertes Saunawesen in Deutschland als auch der 12. Internationale Saunakongreß in Bad Aachen geben Anlaß, die Entwicklung des Saunabades und Saunabadens zu reflektieren. Ziel der ArbeitMit einigen kräftigen Linien soll der Versuch unternommen werden, die Entwicklung der Badeform im deutschsprachigen Raum, vorzugsweise in Deutschland, nachzuzeichnen. Angesichts der Vielzahl der möglichen Aspekte Sauna zu betrachten, ist dieses Unterfangen ein ebenso spannendes wie emotional anfälliges und erfordert „Mut zur Lücke“. Die vorliegende Arbeit zielt nachdrücklich darauf, die Aufmerksamkeit für einige essentielle, der Schnellebigkeit und dem profitorientierten Kurzdenken in der heutigen Praxis zum Opfer gefallenen Grundlagen zur Theorie und Praxis zu wecken und neu zu schärfen. Hierfür ist es hilfreich, über den Rand alltäglichen Badens und der Sauna-Badepraxis im besonderen hinaus zu schauen, um sich dem Wesen der Sauna und deren Wirkungsprinzip angemessen zu nähern. Badegeschichte in SchlaglichternWissen um Wasser und WärmeGanz im Gegensatz zu anderen wurde in deutschsprachigen Ländern in den vergangenen Jahrhunderten mit großer Intensität und Leidenschaft die hydro- und balneotherapeutische Praxis gepflegt und bis in das letzte Drittel des soeben zuende gegangenen Jahrhunderts, in welchem diesem reichen Wissen politisch Tiefschlaf verordnet und weitgehend durchgesetzt wurde, nicht nur in der Theorie, sondern auch in der praktischen Umsetzung weiterentwickelt. In dieser Tradition stehen Namen wie Hauff, Hufeland, Lampert, Kohlrausch, Kneipp, Prießnitz, Scheuchzer, Schlenz, um nur einige wertungs- und wahllos herauszugreifen. Große, heute gelegentlich skuril anmutende Anstrengungen wurden unternommen, Kenntnisse im Umgang und Einsatz von Wasser in seinen verschiedenen Aggregatszuständen, mit Gasen, mit Schlämmen u.v.a.m. zum Zwecke der Gesundheitspflege und -vorsorge und Behandlung zu vertiefen. WechselreizeEs fällt auf, daß bei hydro- und balneotherapeutischen Maßnahmen immer wieder nicht nur auf das Grundprinzip Reiz-Antwort geachtet, sondern es auch aktiv stimuliert wurde, um im Sinne von Funktionsverbesserung, eines „Weckens des inneren Arztes“, seine Wirkung zu entfalten. Verkannte FußwärmbäderIm hier aus der Palette der Schwitzbäder interessierenden Segment des Saunabadens sei an die in Deutschland eingeführte, oft miß- und unverstandene eindringliche Empfehlung erinnert, knöchel- und nicht kniehohe Fußwärmbäder dem eigentlichen Saunabad vor- sowie nach Kaltanwendungen zwischenzuschalten. In diesen Kontext gehört auch der immer wieder anzutreffende plastische Begriff „Gefäßtraining“. Nutzen durch unspezifische WirkungBeachtlich ist, daß es nicht zufällig üblich war, wechselwarme Prozeduren mit einer warmen zu beginnen und einer kalten zu schließen, sondern Ausdruck des Wissens um subtile physiologische Regelmechanismen in der Peripherie und deren Schlüsselfunktion für Vorgänge in der Tiefe des mehrgliedrigen Organismus. Es stellt daher im Gegensatz zu einer nichtanthropologischen Sicht kein Mangel dar, daß diese Reize unspezifisch sind. Reize solcher Art zeichnen sich vielmehr durch ihre Universalität aus, sind gewollt. Universales WirkungsprinzipDieser kleine Exkurs mag ausreichen, um z.B. die zunehmend ausgeblendete und in Vergessenheit geratende Bedeutung der gezielten Abkühlphase als Grundbestandteil eines kunstgerecht durchgeführten Saunabades zu verstehen und das dahinter stehende universale Wirkungsprinzip wieder zu entdechen. Volksgesundheit als AntriebEinst und jetzt: zum Nutzen allerIm allgemeinen und medizinischen Badewesen stand und steht Krankheitsvermeidung im Grunde immer an erster Stelle und es setzte sich für alle diesbezüglich vorbeugenden Aktivitäten der Begriff „Abhärtung“ durch, der sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte zieht und sich heute in ganz besonderer Weise, fast wie ein Synonym, beim Saunabaden wiederfindet. Sich um eine verbesserte und stabile Volksgesundheit zu kümmern, ist keine Erfindung unserer Zeit, sondern stand und steht im vitalen Interesse aller Gemeinschaften durch die Geschichte hindurch über alle Regierungsformen und Ideologien hinweg. Die volksgesundheitlichen Forschungen, Versuche und Maßnahmen der Umsetzung fanden zu keiner Zeit in einem Vakuum statt. Sie sind dann sinnvoll zu gewichten, wenn sie in den Kontext ihrer Zeit gestellt werden. Wissens- und KräftebündelungUm beim Badewesen zu bleiben sei beispielsweise daran erinnert, daß die heutige Deutsche Gesellschaft für das Badewesen vor über 100 Jahren gegründet wurde, um seinerzeit Erfahrungsaustausch unter den teils bereits seit Jahrzehnten bestehenden großen öffentlichen Badeanstalten zu pflegen. Ziele dieser Zusammenkünfte waren nicht zuletzt solche zur Förderung der Volksgesundheit, sondern auch dem Bäderbau und der Bädertechnik zu einer Blüte zu verhelfen. Die Badeanstalten, die in England im Nachgang zur verheerenden Choleraepidemie 1832 entstanden, waren ihre Vorbilder. Die Zielrichtung war in erster Linie die Reinlichkeit und Hygiene. Mit den Veränderungen in der Arbeitswelt (Reduzierung der Wochenarbeitsstunden) und Gewinn von Freizeit begann man, Sport zu treiben: es entstanden Schwimmbadeanstalten. Nicht ohne Grund stellte Lasar in den 80er Jahren des vorvergangenen Jahrhunderts die Forderung auf: „Jedem Deutschen wöchentlich ein Bad“. Bis in unsere Tage hielten sich öffentliche Dusch- und Wannenbäder, meist in Grundschulen, als sogenannte „Volksbäder“. Kleine Ergänzungen zur Geschichte der SchwitzbadestubenLizensierte BäderMit der Ausbildung von Städten und Dörfern traten neben den privaten Hausbädern gewerblich betriebene öffentliche Badestuben, die zum Betrieb einer behördlichen Genehmigung bedurften. Diesen „ehehaften“, also legitimierten Badestuben wurden zumindest in der Schweiz gleichzeitig Monopolstellungen eingeräumt, um deren Bestand wirtschaftlich zu sichern. Die Unzufriedenheit des Landvolkes u.a. mit dieser Regelung führte 1498 zum Aufstand, der erst mit dem Tode des Züricher Bürgermeisters sein Ende fand. Blütezeit im MittelalterDie Badestuben (Schwitzbäder) waren im deutschsprachigen Raum des Mittelalters außerordentlich beliebt und entsprechend zahlreich. Es war deshalb nicht unüblich, fremde und hochrangige Gäste von Behörden bei Übernahme von Kosten auch für die Verpflegung ins Bad einzuladen. Erhellende KlagenVöllig andere Hinweise auf die Beliebtheit der Badestuben finden sich in den Archiven als Klagen darüber, daß sich die armen Leute „als wohl erzogene Bürger und Bürgerinnen in ihren Häusern entblößten und also nackend über die öffentlichen Gassen ins Badehaus gingen“. Totgesagte leben längerHeute wird die Ansicht verbreitet, daß die einst so beliebten Schwitzbäder, die sogenannten Deutschen Badestuben, durch Seuchen, durch sittliches Verkommen als auch durch Holzmangel bzw. dessen extremer Verteuerung im ausgehenden Mittelalter verschwunden sind. Die Belege für jedes Argument sind zahlreich. Gleichzeitig finden sich aber Belege auch dafür, daß diese Bäder, wenn auch dezimiert, sehr wohl überlebt haben, in Deutschland bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein. Und nicht nur vereinzelt in einigen zeitvergessenen Winkeln der Alpen. FortschrittVerspottung der SchwitzbäderAufgrund technologischer Errungenschaften kamen die Wasserbäder in Mode und die Ärzteschaft bekämpfte die „hitzige Lebensweise“ durch Aufsuchen von Schwitzbädern. Über die „altmodischen Schwitzdoktoren“ wurde öffentlich gespottet. Was nicht sein kann, das nicht sein darfDie über Jahrhunderte üblichen, noch verbliebenen Schwitzbäder wurden nunmehr einfach totgeschwiegen: so tauchten in Schregers Balneotechnik (1803), einem Verzeichnis sämtlicher in Deutschland bestehender Bäder, keine einzige der offenkundig noch zahlreich bestehenden Badestuben auf. Das hatte zwei Gründe: zum einen wurde die deutsche Badestube nicht mehr als Bad aufgefaßt, zum anderen wurden diese Badestuben offiziell nicht mehr von „rechtlichen Bürgern“, sondern nur noch von Webern, Fabrikarbeitern, Taglöhnern und anderen Nichtprivilegierten aufgesucht. Mode- und MilitärbäderTrotzdem sind, ebenfalls als Modeerscheinung und ihre Einführung neben dem Nutzen für das Volk, mit der Forderung begründet, "die durch Deutschland ziehende kaiserlich russische Armee bei guter Gesundheit zu erhalten", in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts einige russische Dampfbäder entstanden. BrotbäderIn der Schweiz waren bis ins ausgehende 19. Jahrhundert Schwitzbadestuben direkt über Backöfen der Bäcker verbreitet und wurden im Volksmund als „Brotbäder“ bezeichnet. Deren Abwandlungen hießen „Essigdampfbäder“ oder „Haferbäder“, wenn im heißen Ofen ein Glas Essig zum Verdampfen oder Hafer zum Dörren gebracht wurden. Die zeitliche Spanne zwischen dem Aussterben der später Steinschwitzbad benannten deutschen Badestube und ihrer Rückkehr als Sauna ist offenbar erheblich geringer, als allgemein angenommen. Saunageschichte der Neuzeit – Die ErfolgsstoryTatsächliche Heimkehr 1924Hinreichend bekannt ist, daß 1924 (Olympische Spiele in Paris) und in den Folgejahren dem finnischen Laufwunder Nurmi das Verdienst der Wiederentdeckung und nachhaltige Popularität des auch bei uns üblichen Steinschwitzbades, in Finnland „Sauna“ oder in schwedisch dominierten Gegenden „Bastu“ genannt, zukommt. Ebenso die auf Wunsch Finnlands im olympischen Dorf an einem künstlichen See erfolgte Errichtung einer großen Saunaanlage anläßlich der olympischen Spiele 1936 in Berlin. Offizielle Heimkehr 1936Trotz ab 1924 entstandener einzelner öffentlicher Saunabäder privater oder nichtkommunaler Hand wird in Fachkreisen das Jahr 1936 als (Wieder-)Geburtsjahr der Sauna in Deutschland angesehen, trug doch erst der Aufsehen erregende Rahmen der Olympischen Spiele im eigenen Land das Wort und die Badeform "Sauna" in jeden Winkel des Reiches. SaunabegeisterungDas Interesse an der Sauna war schlagartig in weiten Kreisen der Bevölkerung geweckt und breit gefächert. Und das nicht nur weil festgestellt wurde, daß die Sauna die im Mittelalter im deutsch sprachigen Raum flächendeckend verbreitete Badestube war, sondern weil sie als Ganzkörperwechselbad in besonders offensichtlicher und schonender Weise das physiologische „Reiz-Antwort“-Prinzip auf einfachste Weise machbar und erfahrbar machte. Schlüsselentscheidung der ersten Stunde: Abkehr vom finnischen VorbildIn den Folgejahren entstanden eine Reihe von Aufsätzen und wissenschaftlichen Arbeiten, die sich seitens der Ärzteschaft bevorzugt mit gesundheitlichen Fragestellungen auseinandersetzten. Intensiv wurde auch an Fragen und Lösungen zum Bau von Saunahäusern (entgegen dem finnischen Vorbild mit vom eigentlichen Schwitzraum getrennten Vorbereitungsräumen wie Umkleiden und Duschen) und deren Öfen gearbeitet und veröffentlicht. Sauna als probates Mittel gegen Zivilisationsschäden proklamiertEs erstaunt, daß schon damals die die Psyche erholende und heilende Wirkung eines Saunabades ebenso nachhaltig herausgestellt wurde wie die zwangsläufig erfolgende Regenerierung verbrauchter Energien und Vitalkräfte. Ebenso bescheinigten Untersuchungen, daß kunstgerechtes Saunabaden bereits damals beklagter Zivilisationsschäden entgegenzuwirken in der Lage ist. Regierungsentscheidung für die Sauna als VolksbadSaunabaden politisch erste PrioritätIn wenigen Jahren konnten offensichtlich so viele positive Erkenntnisse über die Sauna zusammengetragen werden, daß der Reichsgesundheitsminister Conti folgende Anordnung traf: Anordnung 7/41 des Reichsgesundheitsführers vom 16. September 1941 Krieg stoppt Siegeszug der SaunaDer zunehmend aufwendiger werdende, Land, Leute und Kassen auszehrende Krieg erdrückte den Raum, die Forschungen in dem aufgerufenen breiten Maße durchzuführen. Deshalb finden sich in späteren, noch erfolgten Veröffentlichungen entsprechende Hinweise, daß der Krieg zunehmend die Möglichkeiten breiterer Forschungen und die Umsetzung von Bauvorhaben verhindere. Neubeginn und Verbandsentscheidung für die Sauna als VolksbadWie Phönix aus der AscheFür das Saunawesen schlug dann eine glückliche Stunde, als naturheilkundige und saunabegeisterte Mediziner und Laien, darunter Physiker und ehem. Olympiateilnehmer, im Jahre 1948 die Idee verdichteten, der Sauna im wieder aufzubauenden Deutschland als Volksbad nunmehr zum Durchbruch und flächendeckender Verbreitung zu verhelfen. Mit einer Satzung, die die bekannten Ziele von 1941 neu formulierte, wurde am 8. Februar 1949 der Deutsche Saunabund e.V. ins Vereinsregister eingetragen – eine Sternstunde für die Entwicklung des Saunabades. Vor also 50 Jahren wurde mit der Gründung des Deutschen Saunabundes der gelungen zu bezeichnende Versuch unternommen, die seinerzeit an der Verbreitung der Sauna als Volksbad interessierten Personen, seien sie Anbieter, Mittler (z.B. Ärzte, Naturheilkundige) oder Hersteller, zu bündeln und den Bau von Saunaanlagen von Anfang an beratend und strukturgebend zu begleiten und zu fördern. Auswüchsen oder die Badeform gefährdende Fehlentwicklungen konnten somit durch beabsichtige Kontrolle weitestgehend vorgegriffen werden. Das Feld, das der Deutsche Saunabund zu beackern begann, hatte schon eine profunde Vorbereitung erfahren: das Korn fiel auf bereiteten Boden. Sauna – eine einzigartige BadeformSauna oder Banja?Es waren wiederum medizinische Gründe, die dazu führten, die Sauna als Volksbad zu favorisieren, obwohl gerade die zahlreichen Rußlandheimkehrer intensive Erfahrungen mit der russischen Variante, der Banja, mitgebracht haben. Dank intensivster und wohluntermauerter Aufklärungsarbeit und kompromißloser Klarheit in der Wortwahl konnte die Sauna gegenüber anderen Schwitzbadeformen durchgesetzt werden. Dabei wurde die Eigenständigkeit und Eigenartigkeit des Saunabades nicht als einfaches Schwitzbad, sondern als Ganzkörperwechselbad mit einer gezielten Abkühlung herausgestellt: allein die gezielte Abkühlung mache den Wert und die Wirkung des Saunabadens aus. Altes Wissen in die PraxisErkennend, daß der zivilisationsgeschädigte Organismus auf Temperaturreize, insbesondere Abkühlmaßnahmen, nicht immer angemessen und auch „falsch“ antwortet, wurden in Deutschland als wichtiges, oft unverzichtbares Hilfsmittel nachhaltig proklamiert die knöchelhohen Fußwärmbäder eingeführt. Bestuntersuchte BadeformDie Richtigkeit des in der ersten Stunde eingeschlagenen Weges dokumentiert sich durch eine rasante, fast inflationäre Entwicklung im Bereich der wissenschatlichen Erforschung des weite Kreise faszinierenden und interessierenden Saunabades ebenso wie in der flächendeckenden Verbreitung von Sauna-Badeanlagen. Beispielsweise konnte anläßlich des GAUs in Tschernobyl 1986 bereits auf eine Untersuchung über gute Dekontaminationswirkung des Saunabades zurückgegriffen werden. Phänomen FritzscheDie einzigartige Erfolgsstory der Sauna ist nicht erklärbar ohne die unermüdliche und unerschrockene Schaffenskraft des später gelegentlich als „Sauna-Papst“ titulierten und auch international mit höchsten Ehrungen gewürdigten Dr. Werner Fritzsche. Er bewerkstelligte als Vorsitzender des Deutschen Saunabundes, in Personalunion über Jahrzehnte die Geschäftsführung wahrnehmend, mit den Sekretärinnen Chmielewski und Fechner quasi als Ein-Mann-Betrieb den Aufbau der Badeform Saun" und schuf ein solides Fundament für deren Weiterentwicklung hin zum Volksbad. Sauna für den mündigen, eigenverantwortlichen BürgerDas Saunabaden ist bestens eingeführt, seine gesundheitlichen Wirkungen sind unbestritten. Was liegt näher, die Sauna als Therapeuticum zu positionieren und anschließend die von vielen gewünschten Kassenüblichkeit abzuleiten? Wenngleich auch zahlreiche Kassen die Kosten für Saunabäder übernommen haben und einige Kassen selbst Saunabäder betrieben und mit eigenen Prospekten Saunabaden bewarben, stellte sich Fritzsche dieser Entwicklung entgegen. Für ihn sollte Saunabaden nicht zum solidarbezahlten Vergnügen degradiert werden, denn Tatsächlich wurde diese Erfahrung in hinreichendem Maße gemacht. Für Fritzsche war Sauna eine Maßnahme zur eigenverantwortlichen Gesundheitspflege und -vorsorge und hatte damit keinen leichten Stand. Sauna kein HeilmittelFritzsche stellte bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Medien heraus, daß Sauna zwar die bezüglich medizinischer und therapeutischer Fragestellungen best erforschte Badeform ist. Und er vermied es gleichzeitig, die Sauna als Heilmittel festzulegen. Vielmehr verwies er darauf, daß die Sauna bei sinnvoller Nutzung aufgrund ihrer unspezifischen Wirkungsweise fast immer ein willkommenes „adjuvans“, also eine den Heilungs- und Genesungsprozeß fördernde und unterstützende Maßnahme darstellt. Kaum noch GegenanzeigenDas breite Wirkungsspektrum einerseits und die Gefahrlosigkeit andererseits eines kunstgerecht durchgeführten Saunabades führte dazu, daß die Liste der von sachkundigen Medizinern genannten Gegenanzeigen im Laufe der Jahre auf eine Handvoll schrumpfte. Der hier vermittelte Blick auf das Wirken Fritzsches kann angesichts der Fülle der im nationalen und internationalen Rahmen geleisteten und später hoch dekorierten Arbeit nicht mehr sein als ein oberflächliches Anreißen, weshalb an dieser Stelle eine Zäsur erfolgen muß. Sauna am ScheidewegTrittbrettfahrerDen beispiellosen Erfolg nutzten nicht nur harmlose Trittbrettfahrer, er rief auch auf der kommerziellen Schiene Geister auf den Plan, deren man sich heute kaum noch erwehren kann und die dem Saunawesen schwer zu schaffen machen. Geht die Sauna, wie sie die Gründungsväter beider Neubeginne nach gründlichen und heute mehr denn je gültigen Zielsetzungen installiert haben, durch fragwürdige Manipulationen von Gesetzmäßigkeiten der freien Marktwirtschaft am eigenen Erfolg zugrunde? Wir erschlagen den MarktBeispielsweise konnte ein zukünftiger 12.000 qm-Badbetreiber ohne Widerspruch seitens Vorstandsmitglieder des Deutschen Saunabundes und anderer Teilnehmer in einer Vorstellungsrunde einer Arbeitssitzung die Firmenphilosophie seiner Bädergesellschaft darlegen die lautet: „Wir erschlagen den Markt“. Fachleutephase der GründerzeitMedizinische BadebetriebeSaunabaden erfreute sich, wie bereits dargelegt, stetig und zunehmend allgemeiner Beliebtheit: der Markt boomte. Anfangs und bis in die 70er Jahre waren es im gewerblich-öffentlichen Bereich Massagepraxen und besonders medizinische Badebetriebe, die ihr Angebot um ein Saunabad erweiterten. Deren Leiter, regelmäßig Masseure und med. Bademeister, brachten aufgrund ihrer balneologisch und hydrotherapeutisch ausgerichteten Ausbildung und Grundkenntnissen kneippscher und wechselwarmer Anwendungen ein Grundverständnis für die Wirkungsweise der Sauna als typisches Ganzkörperwechselbad ein, verfügten zumindest rudimentär über das genannte Know-how. Dies hatte den erst heute abschätzbaren Vorteil, daß der Vorstand des Verbandes von den Anwendern in der Praxis auch inhaltlich verstanden wurde und umgekehrt. Gezielte breitgefächerte AufklärungDie zahlreichen Aufklärungsschriften und thematischen Handzettel waren in einer allgemein verständlichen Sprache verfaßt, die der Laie verstand und dem Fachman – sei er Therapeut oder Arzt – nutzten, trugen zur Festigung des Wissens bei. Klassiker waren die Broschüren „Die wissenschaftlichen Grundlagen des Saunabades“ und die in mehreren Sprachen übertragene und nach wie vor in immer neuen Auflagen erscheinende grüne Broschüre „Alles über Saunabaden“. Reiche ErnteDie Knochenarbeit, über Jahrzehnte hinweg stetig fachlich, ganz überwiegend medizinisch-wissenschaftlich fundierte Aufklärungsarbeit zu leisten, verschaffte der Badeform Sauna in der allgemeinen und fachlichen Öffentlichkeit breites Ansehen und tiefe Akzeptanz. Dieses medizinische Fokussieren war darüber hinaus unter dem Gesichtspunkt einer klaren und unzweideutigen Positionierung der Sauna im öffentlichen Leben ein zwingendes Erfordernis, denn nicht selten wurde sie wegen des unbekleideten Badens beargwöhnt und in die Nähe von Bordellen gerückt, wenn nicht gar gleichgesetzt. Tabu-SaunasWährend über die Gay-Sauna inzwischen offiziell gesprochen werden darf und deren Existenz die Saunawelt nicht zum Einsturz gebracht hat, wird die Sauna in einem Bordell nach wie vor nicht nur tabuisiert, sondern auch sanktioniert. Genauso Saunalandschaften in sogenannten Swingerclubs, wie kürzlich eine Rundfunkmeldung aus Lahr/Baden vermeldete. Im Grund ist dies erstaunlich, aber unter einem emotional moralischen Sachzwang kehrt man auch beim Thema Sauna nicht nur die Vorzeichen um und klammert den sachlich in diesem Segment im Grunde herauszukehrenden hygienischen Aspekt aus. Die Existenz von Saunas in vorgenannten Einrichtungen werden ignoriert. Badegewohnheiten im WandelMännlein und / oder Weiblein?War es bis in die 70er Jahre noch üblich, öffentlich geschlechtergetrennt zu baden, führte das sich mit zunehmender Prosperität verändernde Freizeitverhalten wegen entsprechender Nachfrage dazu, gemeinschaftliches Baden anzubieten. Binnen weniger Jahre waren dann gemeinschaftliche Badezeiten zumindest bei Neuanlagen standardisiert und Grundvoraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg der jeweiligen Anlage. Saunen wurde derart selbstverständlich, daß seit den 80er Jahren kaum noch ein Hotel, ein Schwimmbad oder eine größere Freizeitanlage ohne Saunabereich errichtet wird. Golden SeventiesÜberhaupt brachten die 70er Jahre in der BRD größere Veränderungen mit sich. Nicht nur, daß gemeinschaftliches Baden dem veränderten Lebensstil besser entsprach, die Verweilzeiten in den Saunas wurden auch deutlich länger. Die Sauna stellt eine Badeform dar, die bei sinnvoller Durchführung tatsächlich keiner Nachruhe bedarf, im Gegensatz zu den römisch-irischen Schwitzbädern, wo Nachruhe eine obligatorische Leistung ist. Dies ist der Grund dafür, daß in frühen Saunaanlagen bis in die 60er Jahre kaum Liegemöglichkeiten bereitgestellt wurden. Heute ist man geneigt, diese Saunas, wie sie in der ehem DDR bis zu deren Auflösung üblich waren, als spartanisch zu belächeln. Saunas werden flüggeDie Saunabetreiber reagierten auf die sich ab Mitte der 60er Jahre bemerkbar machenden gesellschaftlichen Veränderungen durch Schaffung von Liegeräumen, später auch durch Hinzunahme gastronomischer und weiterer Dienstleistungen. Ohne im Detail auf die zahlreichen sich gegenseitig bedingenden Veränderungen einzugehen, die binnen weniger Jahre zu einem völlig veränderten Erscheinungsbild eines Saunabades geführt haben, bleibt festzuhalten, daß sich der Schwitzraum und die Art der Durchführung des Saunabades kaum verändert haben. Trotz hinzugewonnener Annehmlichkeiten wurde das Wesen des Badeablaufs nicht gestört. Status SaunaDas Wort Sauna erstarkte zu einem Qualitätsbegriff höchster Ordnung und Statussymbol. Äußerer Hinweis darauf bot der Handel mit einer Unzahl von Produkten, die, mit dem Wort Sauna belegt, meist hochpreisig ein exklusives, Lebensstil signalisierendes Ambiente schufen. Vielleicht wird ein späterer Chronist diese Zeit als eine Hochblüte des Saunabadewesens in Deutschland bezeichnen. Das Ziel des Verbandes, dem Postulat der Volksgesundheit zu dienen und die Sauna zu einem Volksbad zu machen, kann im Grunde als erreicht angesehen werden. Sauna – aus Profitgier zur WorthülseAber auch im Badewesen wollte die Industrie größeres und schnelleres Geld verdienen. So wurde Fritzsche ob seiner bezüglich der Unantastbarkeit des Saunaprinzips starr empfundenen Haltung besonders von denen belächelt und später hinter vorgehaltener Hand demontiert, denen es nicht um die Sauna, sondern um Geld und Macht ging. So sind viele auch im Bund zunehmend geneigt, seine Grundlagenarbeit gering zu schätzen und man vergißt darüber, daß es allein dieser nachhaltigen Bemühung der ersten Jahrzehnte zu verdanken ist, daß der Sinn des Saunabadens nicht nur in der Theorie, sondern vor allem auch im Alltag umgesetzt wurde. Augenfällig wird dies dem Laien, wenn er z.B. Millionenobjekte der öffentlichen Hand oder ähnlich fachferner Träger und Auftraggeber betritt. Er bemerkt, daß Planer häufig keinerlei Gedanken an einen der Sauna angemessenen und sinnvollen Badeablauf verschwenden. Die heilige Kuh Sauna sollte wurde geschlachtet, scheibchenweise. GeschäftemacherphaseDer Boom der Saunaentwicklung führte auch zu einem rapiden Anwachsen von Zahl und Größe insbesondere der Saunahersteller. Sogenannte Marktführer investierten, expandierten und verwiesen stolz auf dezentralisierte Produktionsstätten. Doch innerhalb weniger Jahre zeigte der Markt Sättigungserscheinungen. Nachdem der Saunabauboom nur im deutschsprachigen Raum ablief und abebbte und nicht auf das Ausland übersprang, standen Überkapazitäten still und Firmenzusammenbrüche häuften sich. Die skrupellose Flucht nach vorn der IndustrieDie Flucht nach vorn lief im wesentlichen über zwei Schienen: die eine war die Erfindung von Dampfbädern gem. der Banja in Kunststoffzellen (fachlich untaugliche Abkupferung), die das eingebrochene Saunageschäft kompensieren sollten. Aber hier mußte zuerst kräftig in Produktionstechnologie investiert werden. Die andere zielte auf Veränderung der Saunakabine und / oder deren Klima und Innenleben, um die Produktionsstraßen wieder reanimieren zu können. In skrupelloser Weise wurden darüber hinaus auch solchen Badekammern ohne jeden Beleg die anerkannten Vorzüge der Sauna mitgegeben und immer wieder mit dem Hinweis größerer Bekömmlichkeit, obwohl sie gelegentlich nicht einmal mehr Holz mit der Sauna gemeinsam haben. Masse vor KlasseNachdem in der Wirtschaft der längst fällige Paradigmenwechsel wider erkannter Notwendigkeit noch nicht begonnen hat, und wegen der durch Globalisierungswahn verschärften Macht-Geld-Struktur auch noch auf sich warten läßt, steht Masse vor Klasse. Folgerichtig ist jedes Mittel recht, Mengensteigerungen zu erreichen („Wir erschlagen den Markt“) oder clever zu errechnen, wo sie real ausbleiben. IrreführungenDer Begriff „Bio-Sauna“ beispielsweise wurde wiederholt höchstrichterlich für unzulässig befunden und ungezählte Abmahnungen werden bis dato veranlaßt. Dennoch wird der Begriff nach wie vor in irreführender Weise benutzt, sowohl von zahlreichen Herstellern in mündlichen Verkaufsgesprächen als auch unbehelligt von der Presse. Die vom Deutschen Saunabund eingerichteten Runden Tische, um mit den Herstellern das kaum mehr überschaubare babylonische Begriffswirrwarr ihrer vielfältigen, hochinflationär in Nuancen unterschiedenen Schwitzkabinen zur besseren Transparenz für Käufer zu entflechten, brachten letztlich kaum mehr als Lippenbekenntnisse. Alte Philosophen und MahnerNicht nur die Philosophen des alten Griechenlands beklagten den Verfall der Sprache. Auch Konfuzius sagte: „Wenn die Begriffe nicht klargestellt sind, dann treffen die Worte nicht das Richtige. Und wenn die Worte nicht das Richtige treffen, dann kann man in seinen Aufgaben keinen Erfolg haben“. Genauso ist es hier. Wer bei uns in Deutschland oder in Finnland der Verwässerung der Begriffe wehrte, ist und war nichts weiter als ein belächelter Rufer in der Wüste. Hinter all dem Wortgeklingel verbirgt sich allzu häufig Lug, Trug und Bauernfängerei. Man braucht sich einige Formulierungen nur genauer anzusehen. Innerhalb Deutschlands ist aus wettbewerbsrechtlichen Gründen Vorsicht geboten, aber im Ausland, und das zeigen dort besonders Bädermessen, tobt seit Jahren ein gnadenloser Diskriminierungs- und Verdrängungswettbewerb gegen die Sauna. Gesund ist, was Geld bringtAuf den Nenner „Gesund ist, was Geld bringt“ lassen sich auch die Philosophien der kaufmännisch geschulten Badbetreiber reduzieren. Die angestellten Saunameister, heute meistens die einzigen Fachleute, müssen angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt schweigen. So trägt ein Bündel von Faktoren dazu bei, daß die Sauna mehr und mehr zu einem Multifeeling-Edel-Gag verwässert. Opfer auf dem Altar des ZeitgeschmacksIn modernen Bädern ist es praktisch nicht mehr möglich, Sauna so zu erleben und zu bebaden, wie sie beworben wird: die allenorts im Berufs- und Privatleben anzutreffende Reizüberflutung wird auf anderem Niveau fortgesetzt ebenso wie der latente Zwang und Streß zum Konsum, denn regelmäßig wird mit dem Eintritt ein Paket an Leistungen von oft schon mehr als zehn verschiedenen Sauna-Arten erworben, welches ohne irgendwelche Hinweise einer sinnvollen Reihenfolge um jeden Preis – paradoxer Weise oft um den, weshalb die Anlage aufgesucht wird – abgewickelt wird. Meist unbewußt werden die Einrichtungen nach dem Motto benutzt: „Lieber den Magen verrenken als dem Wirt 'was schenken“. Verzicht auf AufklärungBeratende Hinweise, soweit sie mangels Produktkenntnis überhaupt noch gegeben werden können, werden verzichtet mit Begründungen wie: der Gast sei König und seine Freiheit dürfe ebenso wenig beeinträchtigt wie seine Mündigkeit infrage getellt werden. Solche Argumente sind fadenscheinig und belegen im Grunde das verantwortungslose Handeln dieser Anbieter. Stummer Rückzug der HüterSauna zum Abschuß freigegebenAuch die Finnen und mit ihr die Internationale Saunagesellschaft haben den Abschuß der Sauna freigegeben. Die Finnen selbst fühlen sich davon nicht betroffen – jedenfalls solange Sauna nicht mit Sex in Verbindung gebracht wird – und akzeptierten auf dem letzten Internationalen Sauna-Kongreß in Helsinki, daß selbst ein in der Sonne heiß gewordenes Auto eine Sauna ist. Und die International Sauna Association schweigt. Folgerichtig wird ihre frühere Resolution zum Schutz der Sauna weder wiederbelebt noch eine neue, trotz Antrag, verabschiedet, was als Kapitulation verstanden werden kann. Gewinner und VerliererIndustrie und Handel buhlen erfolgreich durch Einbinden des Begriffes Sauna oder Bezeichnungen ähnlichen Klanges für ein ganz anderes, selbstredend besseres und bekömmlicheres Schwitzangebot. Die offizielle Saunavertretung wird nicht müde, die Vorzüglichkeit eines kunstgerechten Saunabades zu betonten – sehenden Auges, daß am Markt solche Einrichtungen im Grunde gar nicht mehr geschaffen, sondern nur noch vegetieren, verdrängt werden und aussterben. Der Merksatz: „... der wirklichen Sauna verpflichtet!“ – einst Werbemittel schmückend – tauchte folgerichtig auch nie wieder auf. Der Slogan „Wo Sauna noch Sauna ist“ klingt fast wie Hohn. Anspruch und Wirklichkeit klafften in der Saunageschichte noch nie so weit auseinander wie heute. AusverkaufDieses bewußt scharf gezeichnete Szenario betrachtend, muß man feststellen: der Verband hat seine gut gemeinte Bereitschaft, mit der Industrie und Großbetreibern im Sinne seiner Satzung zusammenzuarbeiten, mit der Preisgabe seiner ausdrücklichen Ziele unter Leistung von Sterbehilfe für zahlreiche mittelständischen Mitgliedsbetriebe teuer bezahlt. Seit Jahren dünnt die einstige Flächendeckung aus, die Sauna im Quartier verschwindet wie einst der Tante Emma Laden. Aus heutiger Sicht hätte der Verband statt seines wohlmeinenden Vertrauens und überzogener Rücksichtnahme auf Hersteller- und Betreibermitglieder besser verbandspolitische Steuerungsmaßnahmen zum Schutz dessen und derer ergriffen, wofür er angetreten ist. Veränderungen gesellschaftlicher Rahmenbedingungen kündigen sich an, z.B. verliert die Wahnvorstellung „totale Moblilität“ an Boden, da und dort entstehen wieder Tante Emma Läden. Es scheint die Zeit gekommen, die Sauna wieder zu entdecken, um sich von der Sauna zu erholen. Zurück in die Zukunft – eine VisionErinnern wir uns: Minister Conti im Jahre 1941 und später der Deutsche Sauna Bund im Jahre 1949 sind mit den gleichen Zielen angetreten, die Sauna als ein vorzügliches Mittel zur Gesunderhaltung, zur Erholung und Heilung von Zivilisationsschäden zu einem Volksbad zu entwickeln. Mit einem dritten Anfang, einer Art Grundreinigung, kann das alte Ziel, welches bereits erreicht war, neu erreicht werden, sofern es gelingt, die Grundbedingungen eines kunstgerechten Saunabades in der Praxis wiederherzustellen, also die klaffende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit aktiv gegen Null zu bringen. Sauna GrundprinzipienSauna beinhaltet zwei Grundprinzipien: das baulich-klimatische und das der Art des Gebrauchs. Wie hart oder wie weich sind diese Faktoren und welche Folgen ergeben sich aus deren Veränderung für die erwartete Wirkung des Sauna-Bades? Baulich-klimatisches GrundprinzipDer Schwitzraum war bei seiner Wiedereinführung als Sauna ganz aus Holz und hatte meist ein kleines Fenster in der Türe. Dies war kein Zufall, sondern ist eine der saunabedingenden Grundfaktoren für das saunatypische Klima. Streitfragen, ob Vollholz- oder Sandwichbauweise sind ab einer Mindestholzdicke eher Geschmackssache. Als „Fort-Schritt“ wurde erst die Türe, dann Holzwände großflächig gegen Glasflächen ausgetauscht. Die fachlich sofort bedeutsame Frage: Wieviel Holz an Wänden und Decke muß eine Sauna haben, um noch das typische Saunaklima zu gewährleisten, verlor durch Selbstregulierung etwas an Brisanz, weil sich Saunagäste in der Praxis nicht gern wie Auslagen in einer Fleischerei fühlen wollten. Der Kostendruck in der Produktion über die Zeit als auch bezüglich des verwendeten Materials läßt die Industrie zu Stoffen greifen, deren Verwendung im Haushalt zwar toleriert, in der Sauna jedoch aufgrund ihrer besonderen Wärme-Feuchte-Bedingungen infrage gestellt werden muß. Dies gilt besonders für Holzverbindungen wie Dichtungsmaterialien und Leime, die schon zu Zwischenfällen geführt haben. Eine andere als mechanische Behandlung des innerhalb einer Dampfdiffusionssperre liegenden Voll- oder Schalungsholzes scheint in Deutschland noch tabu. Der früher auch Herd genannte Ofen stand sicht- und fühlbar im Raum. Ungeachet seiner Beheizungsart lieferte er die nötige Wärme, die Sauna zu garen. Es wurden Versuche unternommen, diesen Ofen als Heizgerät zu verlegen, z.B. unter die Bänke und hinter vorgesetzten Wänden sowie Veränderung des Steineanteils, was u.a. zu einer Einschränkung von Aufgußmöglichkeiten führte. Erst die jetzt eingeführten Wärmestrahler, auch als strahlende Wandflächenheizungen, greifen gröber in die typische Wärmeverteilung der Sauna und somit in deren Klima ein. Aufgußmittel – Himmel auf Erden oder Wölfe im Schafspelz?Was die Aufgüsse angeht, stehen wir erst am Anfang einer höchst problematischen Entwicklung. Die teuren lebendigen Essenzen und etherischen Öle weichen chemisch hergestellten Produkten, von denen die Hersteller gesundheitliche Beeinträchtigungen einräumen. Die synthetischen, häufig als naturidentisch bezeichnten Billigstprodukte sind Wölfe im Schafspelz und spiegeln die Skrupellosigkeit der Wettbewerber auf dem heiß umkämpften Saunamarkt. Komponenten des SaunaklimasDas typische Saunaklima ist ein Ereignis aus Wärme, Feuchte, Luftdruck, Holzart und Gerüchen. Von weiterer erheblicher Wirkung für das Saunaklima im weiteren Sinne sind herrschenden Licht- und Geräuschverhältnisse. Die Saunas des Nordens waren meist düster, nicht zuletzt deshalb, weil der Rauch während des Aufheizvorgangs die Wände schwärzte, geeignetes Glas nicht verfügbar war und ein Orientierungslicht genügte. Obwohl Glas in unserer Zeit kein Luxus mehr darstellt, hat man der Sauna bis zu ihrer Blüte ihr gedämpftes Licht und ihre Abgeschirmtheit belassen. Nicht, daß man vergessen hätte, Licht in die Sauna zu tragen oder fließen zu lassen, sondern aus wohlüberlegten Gründen. Dasselbe gilt bezüglich der mit dem Licht verwandten Geräuschverhältnisse. Zurückhaltung wirke kommunikations- und somit vermeintlich umsatzhemmend. Somit war die Richtung der gewünschten Entwicklung abgesteckt. Art des Gebrauchs – früher und heuteKörperreinigungsbadDer Zweck der deutschen Badstube wie der der Sauna in Finnland bis auf den heutigen Tag ist der der Körperreinigung und -pflege. Es lohnt sich daher zu erkennen, daß bei uns bis weit in das soeben zuende gegangene Jahrhundert hinein, das Wasser nicht aus Rohren in den Wohnungen zur Verfügung stand, sondern geschöpft und hingetragen werden mußte. Die Badestube oder Sauna war der einzige Ort, wo mit Wasser großzügiger umgegangen werden konnte. Lebensqualität„Ein Hof ohne Badestube taugt nichts, einmal wegen des Bades und dann, wenn die Hausfrau und die Einliegerfrauen Kinder kriegen“, umreißt die Romanfigur Juhani die zentrale Funktion einer finnischen Badestube in dem um 1870 erschienen Roman „Die sieben Brüder“ von Alexis Kivi. Besonders eindrücklich schildert er auch die Dienste des Bades bei starken Verletzungen. Zur Körperpflege zählte auch die Wundversorgung und -heilung. Das bedeutet nicht, daß die Sauna als Reinigungs- und Pflegebad nicht auch zu rituellen Zwecken genutzt wurde und wird, denn sie reinigt auch den Geist und heilt das Gemüt. Das hat nichts mit Mystifizierung zu tun, sondern ist Bestandteil inzwischen wissenschaftlich untermauerten Wissens. Körper-Reinigung ad actaFundamental für die wiederentdeckte Sauna war, daß der in Finnland prägende Aspekt der Körperreinigung bei uns von der ersten Stunde an aus dem Schwitzraum in Vorbereitungsräume ausgelagert wurde. Die Sauna mußte die Funktion eines Körperreinigungsbades nicht übernehmen, weil der Bevölkerung, sofern in den Häusern noch keine Bäder vorhanden waren, öffentliche „Volksbäder“ zur Verfügung standen. Leitgedanke GesundheitDie unseren Bedürfnissen – seien sie uns bewußt oder nicht – am ehesten entsprechenden Aspekte des Saunabades in einer gewissermaßen transzendentierten Form wurden bemerkenswerter Weise schon damals bei der ersten und auch zweiten Entscheidung für die Sauna klar erkannt: der der Abhärtung und der der psychisch entspannenden, kräfteregenerierenden Wirkung. Beide sind heute wichtiger denn je, letzterer durch eine oft psychische Kräfte raubende und durch Reizüberflutung nervlich oft mehr belastende Freizeit- als Arbeitswelt. Vom Sinn zu UnsinnMit der heute von Firmen und in der Presse oft euphorisch als richtungweisend vorgestellte „Reizeintopfsauna“, dem oben geschilderten Multifeeling-Edel-Gag und gelegentlichen Schikki-Micki-Allüren, können die mit einem Saunabad verbundenen und von vielen Besuchern erwarteten Ziele unzureichend, oft auch gar nicht mehr erreicht werden. Diese und sie unterstützende Einrichtungen werden mit Macht in den Markt geworfen und fügen der gewachsenen Schwitzbadekultur schwersten Schaden zu. Nicht daß diese Form des konsummaximierenden, extrovertierten Schwitzbadens nicht auch seine Berechtigung und seinen Reiz hätte. Das dort geübte Schwitzbaden hat indes wenig mit dem Saunabaden gemein, in dessen Sinn es eingeführt wurde und auf dessen Segnungen sich alle berufen. Die aktive und passive Verlogenheit der Anbieter ist das Problem. Das bedeutet, daß echten gewerblichen Saunaangeboten im Innen- wie im Außenverhältnis die nötige Solidarität nicht versagt werden dürfte. Bereichernde RückbesinnungWach- und GewahrwerdenDie Erkenntnis, daß in der Beschränkung der Nutzen liegt, daß viel eben nicht viel hilft, sollte wieder vermittelt und hoffähig werden. Der Markt boomt dort, wo den Menschen angeleitete Wege zur Selbstfindung angeboten werden, als Wochenend-Workshops, Jahrestrainings oder Abendkursen. Hier wird erfolgreich mit den Mitteln gearbeitet, die u.a. auch die Sauna so erfolgeich gemacht haben. In reizüberflutungsgeschützten Räumen erfahren die Teilnehmer Verinnerlichung, Ankommen bei sich, Innere Einkehr, Sich- und Sinn-Findung, breites Wach-Werden, Meditationen, Kraft lebendiger Stille; intensivierend die Wirkungen bei ritueller Gestaltung des Badeablaufes. Urquell StilleWir kennen Stille zumeist nur als negativen Zustand, als das Verstummen von Geräuschen und das Zurückhalten von Bewegung. Aber es gibt noch eine andere, eine lebendige Stille, die mit bewegungsloser Passivität nichts gemein hat. Wenn wir uns entspannen, die Augen schließen und nach innen lauschen, begegnen wir dort einem Raum der Stille, aus dem alle unsere Aktivitäten geboren werden. Sind wir mit dieser Stille in unserer eigenen Mitte verbunden, dann verwandelt sich unser Tun allmählich in ein Geschehen-Lassen. Wu-Wei nennt der Taoismus diese Resonanz der Stille, aus der der Weg des Tuns durch Nicht-Tun entspringt. In dieser inneren Stille sind wir mit der unendlichen Kraft des Universums verbunden, sind eins mit dem Leben. Alleinsein (oder auch All-Ein-Sein) ist ein Schlüssel, um diesen Ort in uns selbst zu erschließen. Das Göttliche der EinfachheitWird der Ort äußerer Stille im Sinne der zitierten Gedanken von Plesse und St. Clair wieder in den Saunaraum verlegt, die schlichten Maßnahmen zur gezielten Abkühlung neu entdeckt und das Bad mit mehr Bewußtheit durchgeführt, offenbart sich das übliche Tun nunmehr als Ritual und die Wirkung des kunstgerecht durchgeführten Saunabades in neuem Lichte. |
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